Brief von Oscar, Renata und Kinder

Extrema, 30.05.1998

Liebe Eine-Welt-Gruppe, liebe Renate, Margarete, Ines, Birgit und Firmanden,

Lange haben wir schon nicht mehr geschrieben und vieles ist passiert. Unser Studentenhaus in der Stadt – eigentlich Dorf – funktioniert. Drei Kinder oder Jugendliche leben dort, studieren abends und arbeiten tagsüber.
Marcello hat eine schöne Arbeit. Er sorgt für die Wiederbepflanzung von der Gegend (auch hier ist viel abgeholzt). Er macht einen Informatik-Kurs und bekommt sogar bald einen Führerschein.
Rebecca war lange sehr krank, ist schwer abgemagert, aber alles ist wieder im Griff. Sie arbeitet in einem Kindergarten.
Paulo hat es schwer in der Schule, mit 17 Jahren kann er noch nicht lesen und schreiben. Er ist jetzt abends in einer Sonderschule und macht einen Intensivkurs – Fischzucht – damit er in diesem Bereich eine Arbeit findet.
Die drei versorgen sich selbst und kommen nur am Wochenende ab und zu hoch (nach Hause).

Auch Joselaine, eines der Mädchen, sie ist 12, war im Krankenhaus. Der Blinddarm musste raus. Jeder Eingriff in Brasilien ist ein Risiko. Für die, die Geld haben, ist die Verpflegung bestimmt, so gut wie in Deutschland, für die anderen …. (aufgemalte Träne) Die Wunde hat sich schwer entzündet. Kann auch nicht anders. Der Staat zahlt 18 US$ pro Krankenbett, davon müssen Ärzte, Krankenschwester, Essen, Putzmittel, Reparaturen, Medikamente, alles bezahlt werden. So wird eine Wunde nur 1 x am Tag behandelt, weil alles fehlt im Krankenhaus wird fü Verbände ausgekochte Bettwäsche verwendet. Wir haben Joselaine aus dem Krankenhaus holen müssen und selbst verpflegt. Weiß nicht, was sonst passiert wäre. Dies in einem Land, wo bestimmte Politiker nach 4 Jahren “Arbeit” eine Altersrente fürs Leben bekommen, wo der amerikanische Präsident eifersüchtig werden würde. Schwer zu verstehen.

Im Heim haben wir endlich unser Auto umtauschen können. Das neue Auto hat sogar 20 Lebensjahre weniger. Ein Toyota-Jeep von 1981. Solange die Räder nicht abfallen und der Motor nicht ausfällt wird in Brasilien weiter gefahren.

Wir sind dabei uns auf die “Festa Junina” vorzubereiten. Es ist das wichtigste Volksfest in unserer Gegend. Feuer, Volkstanz, es wird gesungen, lebendige Musik und viele, viele Spiele. Die Kinder freuen sich schon lange und die Vorbereitung dauert Monate.

Auch haben wir jetzt eine feste Hilfe (Freiwillig) für Handarbeiten und “Capoeira”. Im Moment wird viel gemacht aus Makramée. Capoeira ist ein Kampfsport oder Tanz, bei dem man einander nicht berühren darf. Sehr schön zu sehen, kanalisiert Aggressionen und gibt Selbstkontrolle. Capoeira ist schon sehr populär in Europa, habe ich gehört, vielleicht kennt ihr es.

Renata und mir geht es mehr als ausgezeichnet. Im Juli erwarten wir unser drittes Kind. Diesmal wahrscheinlich ein Mädchen. Es sind schon zu viele Männer im Haus. Nur schwierig für mich Renata die Zeit zu geben, die sie in diesem Moment braucht. Ich kann mich nicht aufteilen und da kommt immer soviel auf mich zu. Mit so vielen Leuten in einem Haus, ist es schwierig einen Moment der Ruhe zu finden, aber … man findet sich damit ab. Ich fühle mich noch immer glücklich das leben zu können, was für mich ein Traum war.

Ich habe es nie gefragt, aber würde einer von euch Interesse haben, mal vorbeizukommen oder sogar mitzuhelfen für eine längere Zeit (zum Beispiel einer der Jüngeren nach dem Abitur). Ihr seid ja immer mehr als willkommen!

Viele liebe Grüße,

Oscar, Renata und Kinder

P.S. Ein Reporter aus Deutschland hat bei uns gefilmt. Er war vom ARD. Es war schon im Fernsehen. Hat einer von euch uns gesehen?

 

Originalbrief